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Mentorenpädagogik ist der Kern unserer Arbeit, und die Idee dahinter ist einfach: Jedes Kind bekommt einen festen Mentor oder eine feste Mentorin, für die ganze Dauer der Hilfe. Nicht wechselnde Zuständigkeiten, nicht ein Team von Ansprechpartnern, sondern ein Mensch. Denn Kinder ändern sich nicht wegen Programmen. Sie ändern sich wegen Menschen, denen sie vertrauen.
Ein Mentor ist ein Erwachsener außerhalb der Familie, der Einfluss auf das Kind hat und diesen Einfluss bewusst für das Kind einsetzt. Man kann ihn Anwalt nennen, Beschützer oder Wahl-Onkel, und alles davon stimmt ein Stück. Er steht auf der Seite des Kindes, auch wenn er ihm widerspricht. Er übersetzt zwischen Kind und Eltern, wenn beide einander nicht mehr erreichen. Und er bleibt, wenn es anstrengend wird. Viele unserer Kinder testen ihren Mentor am Anfang genau darauf. Es ist die wichtigste Prüfung von allen.
Eine Beziehung wächst nicht in Gesprächsterminen, sie wächst in gemeinsamer Zeit. Deshalb verbringen Mentor und Kind ihre Nachmittage mit echten Unternehmungen, oft draußen. Dabei passiert etwas, das kein Büro leisten kann: Der Mentor erlebt das Kind, wie es wirklich ist, und das Kind erlebt einen Erwachsenen, der zuverlässig auftaucht, Wort hält und es aushält. Auf dieser Grundlage lassen sich dann auch die schwierigen Themen anfassen, Schule, Familie, das eigene Verhalten.
Viele unserer Kinder wachsen ohne verlässliches Vorbild ihres eigenen Geschlechts auf. Ein Junge ohne Vater braucht einen Mann, an dem er ablesen kann, wie man einer wird, der Verantwortung trägt. Ein Mädchen braucht eine Frau, der sie auch das erzählen kann, was sie keinem Mann sagen würde. Deshalb ordnen wir grundsätzlich gleichgeschlechtlich zu. Diese Arbeit hat bei uns Tradition, die Anfänge der Abenteuerschule liegen in der Jungenarbeit, die Mädchenarbeit kam als eigenständiger Bereich mit eigenen Betreuerinnen dazu.
Mentorenpädagogik ist ein Ansatz in der Kinder- und Jugendhilfe, der auf eine einzige, verlässliche Bezugsperson setzt. Ein Kind bekommt einen Mentor oder eine Mentorin zur Seite gestellt und behält diese Person über die gesamte Dauer der Hilfe. Alles Weitere, die Gespräche, die Unternehmungen, die Arbeit an Zielen, läuft über diese eine Beziehung.
Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. In vielen Hilfesystemen haben Kinder mit wechselnden Zuständigkeiten zu tun: ein Sachbearbeiter hier, eine Therapeutin da, im Heim die jeweilige Schicht. Für Kinder, deren Grundproblem gerade darin besteht, dass Erwachsene in ihrem Leben unzuverlässig waren, wiederholt sich damit ausgerechnet in der Hilfe die Erfahrung, auf die sie am empfindlichsten reagieren. Die Mentorenpädagogik zieht daraus den Schluss, die Konstanz der Beziehung selbst zum Kern der Methode zu machen.
Der Begriff des Mentors stammt aus der griechischen Sage: Mentor war der Freund des Odysseus, dem dieser bei seiner Abreise den Sohn anvertraute. Gemeint ist bis heute dasselbe, ein Erwachsener außerhalb der Familie, der einem jungen Menschen über längere Zeit zur Seite steht, ohne Elternteil zu sein und ohne einer werden zu wollen. Gerade diese Position macht ihn wertvoll. Er steckt nicht in den alten Konflikten der Familie, er kann zwischen Kind und Eltern vermitteln, und er kann Dinge ansprechen, die von den Eltern nicht mehr gehört würden.
In der praktischen Arbeit heißt das vor allem: gemeinsame Zeit. Beziehung entsteht nicht in Terminen von fünfzig Minuten, sondern beim Tun, beim Sport, unterwegs, bei Alltagsdingen. Der Mentor erlebt das Kind dabei in echten Situationen und kann an dem ansetzen, was er sieht, statt an dem, was in einer Akte steht. Umgekehrt prüft das Kind seinen Mentor, oft monatelang: Kommt er wieder? Hält er, was er sagt? Bleibt er, wenn ich mich unmöglich benehme? Erst wenn diese Prüfung bestanden ist, beginnt die eigentliche Arbeit.
Bekannt gemacht hat den Gedanken unter anderem der australische Familientherapeut Steve Biddulph, der vor allem für die Jungenerziehung beschrieb, wie sehr Heranwachsende von Vorbildern außerhalb des Elternhauses profitieren. In der Jugendhilfe wird das Prinzip teils mit geschlechtsbezogener Arbeit verbunden, Jungen bekommen dann männliche, Mädchen weibliche Mentoren, mit dem Argument, dass vielen Kindern gerade das verlässliche Vorbild des eigenen Geschlechts fehlt.
Mentorenpädagogik braucht einen langen Atem, sie lässt sich weder abkürzen noch delegieren. Aber wo sie gelingt, trägt die Beziehung Veränderungen, die mit Programmen und Plänen allein nicht zu erreichen wären.
Mentorenpädagogik als durchgängiges Arbeitsprinzip aller ambulanten und stationären Hilfen, orientiert an Steve Biddulph. Geschlechtsspezifische Zuordnung der Fachkräfte (Genderpädagogik). Der Mentor als konstante Bezugsperson über die gesamte Hilfedauer, mit Dolmetscher- und Schutzfunktion im Familiensystem, eingebettet in Teamberatung, Supervision und den psychologischen Fachdienst des Trägers.
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